Die Menschen waren freundlich, waren hilfsbereit, ja sie kamen sogar auf ihn zu. Aber sie merkten nicht, dass sie ihn damit immer wieder so sehr in Schrecken versetzten, dass er die Flucht ergriff. Die Flucht vor den Menschen, die er so sehr brauchte, die er aber auch so sehr hasste. Er hasste sie, weil er allein war und weil sie wussten, dass er allein ist, sonst würden sie ihm ja nicht helfen wollen.

Nein, die Menschen wollen einem nicht helfen, weil sie einen liebten; nein, sie wollten nicht wirklich helfen; sie wollten einen mit dieser Hilfe anprangern: "Seht her, hier ist einer allein!"; sie wollten einen fertig machen, einen durch die Tratschmühle ziehen.

Einer wusste das. Er hatte immer ein ungutes Gefühl, wenn er den Eindruck hatte, beobachtet zu werden. Dieses Unwohlsein kam von der Angst, entlarvt zu werden als jemand, der allein ist.

Allein in einer Gesellschaft, in der das Alleinsein fast schon als etwas Krankes oder als etwas Illegales angesehen wird. So glaubt einer zu wissen. Wer allein ist, ist nicht normal, ist verklemmt und schüchtern. Sofort werden seelische Krankheiten, wird ein Fehler in der Sozialisation vermutet. "Der ist ja verrückt." oder "Reif für die Klapsmühle." sind die gängigsten Urteile. Vielen Menschen ist es peinlich, mit einem, der allein ist, umzugehen. Peinlicher noch ist es für einen, der diese Krankheit am eigenen Leib erfährt.

Schlimm ist es, wenn im allgemeinen Bewusstsein das Alleinsein als Ausdruck von etwas Kriminellen angesehen wird, wenn die Vermutung aufkommt, dass einer etwas zu verbergen hätte. Warum sollte sich denn sonst einer von allen anderen Menschen zurückziehen? Ein schlechtes Gewissen wird vermutet und schnell sind auch Fakten entdeckt, die geeignet sind, diese Vermutung zu erhärten.

Einer weiß das. Und immer, wenn er das Gefühl hat, beobachtet zu werden, wird er unsicher und aufgeregt. Prompt sagt er ein falsches Wort, unterläuft ihm ein Fehler - und schon ist der Verdacht bewiesen. Er wird fortan von den Menschen gemieden, bleibt allein; allein in einer Gesellschaft, in der das Alleinsein als etwas Krankes oder als etwas Illegales angesehen wird ... Einer sieht sich bestätigt.

Einer sieht sich bestätigt. Und er sieht hinter der Hilfsbereitschaft der Menschen, hinter ihrer Konzilianz nur noch Ausspähmanöver; Ausspähmanöver, mit denen die Menschen seine Fehler und Schwächen entdecken wollen. Warum laden die Menschen ihn immer wieder ein? Warum besuchen sie ihn und nötigen ihn zu irgendwelchen langweiligen Gesprächen? Sie wollen doch nur seine Unsicherheit ausnutzen, um ihn in die peinlichsten Situationen zu bringen, in denen er nicht mehr weiß, was er tun oder reden soll. Denn alles, was er in solchen Situationen tut oder sagt, würde sein Unwohlsein, seine Angst nur noch steigern und unweigerlich zum nächsten Fehler führen. Hinterher würden sie sich über ihn lustig machen und ihn meiden wie einen Aussätzigen. Und deshalb will er fliehen; will raus aus dieser Gesellschaft; weg von diesen Menschen, die er letztlich für sein Alleinsein verantwortlich macht.

Aber die Flucht ist schwierig. Wohin soll er sich wenden? Am liebsten ginge er in sein Haus nach Portugal, wo ihn niemand beobachten und niemand über ihn tratschen könnte. Oder vielleicht doch? Zumindest würde er mit seiner Flucht allen Menschen bestätigen, was sie schon wissen mussten: Einer ist allein. Schon die Vorstellung, wie die Menschen über ihn redeten, sich über ihn lustig machten ...! Nein! - es wäre unerträglich für ihn, wenn er mit diesem Gedanken in seinem Haus leben müsste.

Er musste bleiben. Musste allen zeigen, dass es ihm nichts ausmachte, allein zu sein.

Doch sobald er sich unter die Menschen wagte, erfasste ihn wieder dieser Schrecken. Wie sie ihm Gesellschaft vorgaukelten! Jeder redete mit jedem. Alle lachten, waren fröhlich. Manche lagen sich in den Armen und küssten sich. Einer wusste: Vielleicht ist er der einzige, der allein ist, aber er ist nicht alleine einsam. Wieso warben diese Menschen noch um ihn, da sie doch offensichtlich alle soviel Gesellschaft erlebten? Sie waren auf ihn nicht angewiesen, hatten ohne ihn schon genügend Bekannte und Freunde.

Und wie sie ihn zu locken versuchten! Wie sie versuchten, ihn für sich zu vereinnahmen! Ekel erfasste ihn. Jedes Lächeln erschien ihm wie ein widerliches Grinsen; jeder freundliche Klaps, jedes Streicheln und Berühren kam ihm vor wie ein Schlag - ein Schlag gegen seine Persönlichkeit, seine Unabhängigkeit.

Einer bekam wieder Angst. Sie wollten ihn an sich binden, sie wollten sein Vertrauen erschleichen, um ihn hinterher bloß zu stellen. Sie wollten ihn trunken machen von so viel Gemeinschaft, um ihn dann, im Zustand völliger Trunkenheit, auszuziehen und ihn, sich selbst überlassen, der nach seinen Blößen lechzenden Gesellschaft preiszugeben.